Popcorn Kino Becher

Wie kam Popcorn in die deutschen Kinos?

Gute Frage, denn für uns heute ist es ja eine Selbstverständlichkeit – vielmehr: ein Must-Have! Popcorn zählt (nebst Nachos) zu den allerbeliebtesten Snacks im Kino. Aber eins nach dem anderen!

Von Kunden, die sich klug gemacht hatten, wissen wir: Popcorn tauchte in Deutschland schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf. Damals wurde es in Kaisers Kaffee Geschäften in Berlin verkauft. Angeblich kam der Mais aus Ungarn. Da Kaisers Kaffee mit Kaffeeröstern zusammenarbeitete, bot es sich an und war kein Problem, auch Popcorn zu rösten.

Tatsächlich kam das erste Patent für einen Popcorn-Kessel 1875 von einem gewissen Frederick J. Myers aus Kentucky. 10 Jahre später entwickelte Charles Cretors aus Chicago die ersten Popcorn-Maschinen. Ab 1930 entwickelte sich dann rasant die Herstellung von Popcorn in amerikanischen Kinos. Popcornmais war sehr preisgünstig und wurde damals für nur wenige Cents verkauft. Für jedermann erschwinglich!

Zeitsprung: 1946, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, erreichten die ersten Popcorn-Maschinen Deutschland. Die amerikanischen Streitkräfte brachten sie mit, eigentlich ihren Soldaten zugedacht: ein Stück kulinarische Heimat. Nach deren Abzug fanden sie den Weg auf Messen und Jahrmärkte. Damals eine Sensation, selbst heute noch hat die Herstellung von Popcorn ja etwas Magisches. Wenn es tosend im Kessel ploppt und brodelt, aus einem kleinem Maiskorn wie durch ein Wunder eine üppige, schneeweiße Flocke aufblüht, dazu der unverkennbare, leicht nussige Duft der Röstaromen der Nase schmeichelt … ein Erlebnis für die Sinne! Frisch geröstet und am besten noch warm genossen, karamellig im Geschmack, knackig und zart schmelzend zugleich: Kein Wunder, dass Popcorn auf den Jahrmarkt ein Renner wurde.

Bereits Ende der sechziger Jahre reiste Helmut Haase mit Prospekten und Mustern über die deutschen Jahrmärkte. Ihm wurden die Maschinen aus den Händen gerissen! Und die Kunden bestellten den Mais immer wieder nach. Ein lukratives Geschäft für beide Seiten. Zunächst – seit 1972 – als Außendienst-Mitarbeiter des kleinen Frankfurter Im- und Export-Unternehmens Werner Glaser, begann Helmut Haase, amerikanischen Popcorn-Mais und die zur Herstellung benötigten Maschinen zu verkaufen. Damals wusste er noch nicht, dass er seine Lebensaufgabe gefunden hatte! Seine Kunden waren vorwiegend Schausteller, Messen und Zirkusbetriebe. Er ergriff seine Chance und machte sich 1974 selbstständig. Seine ersten Maschinen kamen aus Bangalore in Indien, später aus Amerika, von wo ihn die beiden größten Hersteller Gold Medal, Cincinnati, und Cretors, Chicago, belieferten.

Erste importierte Maschinen aus Bangalore, Indien, 1975.
Importierte Popcorn-Maschine Candy Pop
Helmut Haase mit der ersten eigenen Haase-Popcorn-Maschine „Orion“ auf dem Wäldchestag in Frankfurt, 1984

Seitenblick: Ende der 70er Jahre entwickelte der Amerikaner Jim Watkins von der Firma Pillsbury, heute eine Tochter von General Mills USA, Popcorn für die Mikrowelle. Zuvor war es in Amerika populär, das Popcorn in Gläsern verpackt zuhause in einem Topf selbst zu rösten. Mikrowellen-Popcorn machte es einfacher. Mit dem riesigen Erfolg der Innovation änderte sich das Verbraucherverhalten grundlegend. Neues Marktpotenzial: Popcorn nicht nur außer Haus, sondern bequem zu Hause selbst fabriziert.

1983 konnte Helmut Haase den ersten Kunden aus München für die Herstellung von Popcorn im Kino gewinnen. Der Film-Enthusiast Dr. Dieter Buchwald hatte auf einer USA-Reise das Potential von Popcorn erkannt und kontaktierte ihn. So startete tatsächlich der Auftakt einer bis heute anhaltenden Erfolgsgeschichte hierzulande, das erste „Popcorn Kino“ Deutschlands: das CINEMA-Filmtheater München in der Nymphenburger Straße 31. Über ein Jahr hatte das CINEMA diese Exklusivität. Dann ging alles ganz schnell: Im August 1984 bat Gerhard Theurich, damaliger Chef der Reis Kino Betriebe, der damals zweitgrößten Kinokette Deutschlands, Helmut Haase einen Popcorn-Stand im Kaskade-Kino in Kassel einzurichten.

Am gleichen Wochenende fand in Kassel aber auch das große Zissel-Volksfest statt. Dort wurde dank Helmut Haases Aktivitäten schon jede Menge Popcorn verkauft. Die Frage, die er sich damals stellte, war: „Wird Popcorn trotzdem im Kino gekauft?“ Und wurde postwendend beantwortet: Ja, und wie! Popcorn erhöht den Filmgenuss, was sich für die Betreiber auszahlt. Der Zusatz-Umsatz hat das deutsche Kino verändert! Die Popcorn-Erlöse dort betragen heute ein Vielfaches derer auf Jahrmärkten und Volksfesten.

Eines der ersten Kinos in Deutschland mit frischem Popcorn: Das Kaskade-Kino in Kassel. Foto: Werner Baus, Kinoarchiv Helsa
Eines der ersten Kinos in Deutschland mit frischem Popcorn: Das Kaskade-Kino in Kassel. Foto: Werner Baus, Kinoarchiv Helsa

Wie gerufen kam kurz darauf die Einladung von Herrn Dr. Lopien vom HDF Hauptverband Deutscher Filmtheater, auf dem Filmtheater Kongress in Baden-Baden 1985 auszustellen. Die Euphorie hatte Helmut Haase gepackt, er sah dem neuen Markt mit Begeisterung entgegen. Nur dass die allermeisten Kinobetreiber ihre Chance nicht sehen wollten, sondern vielerlei Vorbehalte hatten. Der Aufwand, die (vermeintliche) Rauchentwicklung, kein Platz, zu viel Schmutz und überhaupt: Wir sind doch kein Rummelplatz! Doch das sollte nicht allzu lange dauern.

Denn es gibt kein Vertun: Diejenigen Kinobetriebe, die Popcorn anboten, hatten plötzlich erhebliche Zusatzeinnahmen. Ein volles Kino ist fein, aber auch festgelegt in Sachen Umsatz. Wenn nicht zusätzliche Einnahmen pro Besucher erschlossen werden. Snacks und Drinks helfen unterm Strich, das Geschäft auszubauen. Logisch! Und sind vom Kinobesucher auch höchst erwünscht. Eine Erkenntnis, die sich bei den Kino-Betreibern schließlich auf breiter Front durchsetzte. Nebst Popcorn kamen Nachos und Postmix-Getränkeanlagen dazu. Spätestens seit ab 1990 die ersten Multiplexe entstanden, gab es kein Halten mehr.

So entwickelte sich der Siegeszug von Popcorn in den deutschen Kinos. Ja, es ist wahr: Ohne den Verkauf von Popcorn könnten heutzutage keine Multiplexe und auch keine der vielen kleineren Kinobetriebe existieren. Popcorn veränderte die gesamte Kino-Landschaft in Deutschland.

Damals hatte Helmut Haase seinen Kunden beigebracht, Popcorn immer frisch zu rösten. So lernten die Kinobetreiber, Popcorn direkt im Kino-Foyer oder in einer Popcorn-Küche zu produzieren. Gar nicht so einfach, denn es erfordert einiges an Geschick und Aufmerksamkeit bei der Herstellung. Die amerikanischen Popcorn-Maschinen waren bestens für die Herstellung von gesalzenem Popcorn geeignet. Nur: In fast ganz Europa liebt man Popcorn mit knuspriger Zuckerglasur. Die Crux dabei: „Gepoppt“ wird bei Temperaturen von über 300° Celsius. Dabei verbrennt der Zucker schnell und wird tierisch bitter. Die Herstellung ist also alles andere als einfach. Erst 2019 kamen programmierbare Induktions-Popcornmaschinen mit einem Wokähnlichem Kesselsystem auf den Markt, womit ein gleichmäßig glasiertes Zuckerpopcorn hergestellt werden kann.

Neben der Entwicklung der Technik zur Herstellung von Popcorn haben sich aber auch die Popcorn-Sorten im Lauf der Jahrzehnte durch gezielte Züchtungen immer weiter entwickelt. Seit 1971, als Helmut Haase sein erstes Popcorn verkaufte, hat sich das Pop-Volumen verdoppelt. Je größer die Flocken werden, umso besser! Neue Trends gehen in Richtung Gourmet-Popcorn. Entwickelt wurde dies in den 80ern, nicht verwunderlich, wiederum in Amerika. Popcorn ist weltweit im Trend und die Veredelung findet parallel auf allen Kontinenten statt. Viele kleine und mittlere Unternehmen starteten in den letzten Jahren mit allen möglichen und unmöglichen Sorten: „Was uns andere Branchen vormachen, gilt auch für unseren Klassiker!“, so Helmut Haase. Forever young heißt, sich treu bleiben und gleichzeitig ständig neu interpretieren!

Text: Helmut Haase / Marianne Wachholz


* Alle Abbildungen und Angaben ohne Gewähr.